Im Autoren-Frühstück des Deep Talk Club bin ich gefragt worden, ob unser Gehirn mit der Geschwindigkeit überhaupt noch mitkommt, mit der sich gerade alles verändert. Meine Antwort vorab: Wenn ich mir ein Gehirn aussuchen dürfte für diese Zeit, ich würde das menschliche nehmen. Denn es ist das plastischste Organ, das wir kennen, formbar durch jede neue Erfahrung, ein Leben lang. Genau das ist zugleich die Zumutung. Aus einem neuronalen Trampelpfad eine Autobahn zu bauen dauert seine Zeit, und wer mit jedem Innovationszyklus seinen Arbeitsbereich neu erfinden muss, spürt diese organische Trägheit als Last. Über ein paar dieser Gedanken, rund ums Lesen, ums Schreiben und um die Frage, welche Fähigkeiten künftig tragen, möchte ich hier nachdenken.
Das langweilige Schwarz-Weiß einer Buchseite aushalten
Wir sind in eine Art der Wahrnehmung hineingewachsen, die ich als Gegengewicht ernst nehmen muss, bei den Jüngeren stärker, aber bei uns allen. Ich habe fünfzig Tabs offen, klicke, wechsle das Fenster, und sobald eine Information nicht sofort relevant erscheint, ist sie weg. Die Forschung nennt das den Instant-Gratification-Effekt: entweder sofort fesselnd oder weggeschaltet. Wenn dann rechts noch die Seitenleiste der Suchmaschine läuft und die KI ihre Textantwort dazugibt, prasselt mehr und mehr gleichzeitig auf uns ein.
Daher rührt mein, zugegeben, etwas altmodisch klingender Befund: Wir brauchen das langweilige Schwarz-Weiß einer Buchseite wieder. Da klingelt nichts, da ist nichts zum Draufklicken, da kommt kein Sound heraus, da steht nur Schwarz auf Weiß ein Gedanke, der getragen werden will, von der einen Seite bis zur Fähigkeit, einen Text über zweihundert, dreihundert Seiten zu halten. Diese klassische Kulturtechnik schult die Konzentrationsfähigkeit, die uns sonst abhandenkommt. Für Autorinnen und Autoren ist das doppelt der eigene Beruf: Wer für die lange Strecke schreibt, mutet seinen Lesern genau die Geduld zu, die er selbst beim Schreiben aufbringen muss. Praktisch heißt das, sich Inseln zu bauen: Pop-ups aus, E-Mail-Zeiten begrenzen, selbst gesteuert und nicht paternalistisch von einem Server verordnet, der ab einer bestimmten Uhrzeit die Post abschaltet. Denn jede fremdverordnete Lösung nimmt mir genau die Selbstverantwortung, um die es geht.
Wem gehört der Text, den die Maschine schreibt
Meine eigene Arbeitsgeschwindigkeit hat sich seit ChatGPT etwa verdreifacht. Ich habe so etwas wie einen hochqualifizierten wissenschaftlichen Mitarbeiter, der mich zwanzig Dollar Abogebühr im Monat kostet und mir kommentierte Literaturlisten ausgibt. Allerdings nur, wenn ich die Prompts beherrsche und in meinem Fachbereich weiß, wonach ich frage. Werfe ich einen einteiligen Prompt hinein, kommt in aller Regel generischer Stoff zurück, der sich schon vom menschlichen Auge als solcher erkennen lässt. Es braucht den fachlichen Hintergrund, damit in der Mensch-Maschine-Interaktion etwas Brauchbares entsteht.
Für das Schreiben birgt das eine eigene Gefahr, die mir am Herzen liegt: Mit jedem Assistenzsystem laufen wir Gefahr, Verantwortung abzugeben. Ich orientiere mich seit den Navigationsgeräten schlechter, und ähnlich kann es der eigenen Urteilskraft ergehen, vor allem aber dem emotionalen Bezug zu dem, was ich schreibe. Man kann ChatGPT bitten, einen Liebesbrief zu verfassen, das Ergebnis ist eher zum Totlachen als romantisch. Nicht auszudenken, wenn sich am Ende meine KI mit der KI der Partnerin unterhält und niemand mehr darin vorkommt. Der Punkt für uns Schreibende ist nicht, das Werkzeug zu meiden, sondern die emotionale Eigentümerschaft am eigenen Text zu behalten: zu wissen, wo es sinnvoll einzusetzen ist und wo wir bewusst KI-freie Zonen schaffen, in denen das typisch Menschliche zu seinem Recht kommt.
Welche Fähigkeiten künftig tragen
Welche Kompetenzen zählen, das kann uns weder die Hirnforschung noch die Psychologie beantworten, dafür brauchen wir die Daten aus den Unternehmen heraus. Das Weltwirtschaftsforum hat dazu nicht nur gefragt, was man für wichtig hält, sondern auch, wo tatsächlich investiert wird. Follow the money ist ein gutes Qualitätskriterium für Prognosen. In den Vordergrund rücken zwei Fähigkeiten, die man länger nicht so auf dem Schirm hatte: analytisches Denken und kreatives Denken, beides kognitiv. Man könnte einwenden, wozu die natürliche Intelligenz noch ausbilden, wo wir die künstliche haben. Das ist der Fehlschluss: Gerade weil ein dünner Prompt nur generischen Stoff erzeugt, steigt mein Wert mit dem, was die Maschine nicht abdeckt, dem Finden, Bewerten und Aufarbeiten von Information, bis daraus wirtschaftlicher Mehrwert entsteht.
In meinem Buch ordne ich das in die breitere Future-Skill-Forschung ein, etwa in die Synopse von Ehlers (2022), die Selbst-, Kooperations-, Kommunikations- und Digitalkompetenz als am häufigsten genannte Metakompetenzen ausweist. Wichtig bleibt die Einschränkung: Die meisten dieser Studien entstanden vor der generativen KI und beruhen auf qualitativen Befragungen von HR-Fachleuten. Mit Vorsicht zu lesen, aber in eine klare Richtung weisend: Der Lernzielhorizont verlagert sich von konkret vorhersehbaren Handlungskompetenzen ganz in den Bereich der Metakompetenzen. Die Frage verschiebt sich vom gehirngerechten Lernen zum weltgerechten Gehirn.
Lernen, das auch knirschen darf
Damit diese Fähigkeiten zum Fliegen kommen, brauchen wir Lernerfahrungen mit hinlänglicher Komplexität, also Zumutungen, in denen ja auch Mut steckt. In Seminaren gebe ich Gruppen gerne die Aufgabe, anhand wissenschaftlicher Literatur ein betriebliches Anreizsystem zu reformieren. Beide Gruppen erhalten echte Studien zum Belohnungssystem im Gehirn, doch unterschiedlich ausgewählt: die eine über den Überraschungseffekt, bei dem unerwartet positive Erfahrungen besonders dopaminwirksam sind, die andere über Enttäuschung, also den Dopaminabfall, wenn eine in Aussicht gestellte Belohnung ausbleibt. Die meisten Gruppen bauen anschließend ein System, das ziemlich genau zu den Studien passt, die sie gelesen haben, ohne es zu merken. Die eine landet bei flexiblen, erfolgsabhängigen Boni, die andere bei Konstanz, Transparenz und Fairness.
Bewegend wird es bei der Frage, wie gut die Lösung denn zum eigenen Unternehmen passt. Häufig kommt die Erschütterung: Wir holen uns externe Expertise, von Beratungshäusern, aus Gutachten, sind beruhigt, haben alles richtig gemacht, und merken plötzlich, wo wir im Prozess eigentlich selbst gedacht haben. In dem Moment liegt mein Lieblingstext nahe, Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?” mit seinem „Sapere aude”, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, und seiner harten Diagnose von Faulheit und Feigheit als Ursachen der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Mit einem Augenzwinkern lässt sich dann fragen, welche Strukturen wir im Unternehmen pflegen, um diese Unmündigkeit aufrechtzuerhalten.
Das ist nicht immer Happy Learning. Die Trainingsforschung kennt den Begriff des Unhappy Learning, der keineswegs meint, Menschen unglücklich zu machen oder die tragfähige Beziehung zu verlassen. Vielmehr brauchen wir, gerade in der Führungskräfteentwicklung, mehr Komponenten, an denen es knirscht und an denen eine belastbare Arbeitsbeziehung erst entsteht. In jeder Sportart akzeptieren wir das: Bis die Rückhand sitzt, ist der Weg mit Frustrationstoleranz gespickt. Klaus Grawe hat das, was hier trainiert wird, als Konsistenzregulation beschrieben, die Fähigkeit, innere Spannung auszuhalten. Eine mutigere Personalentwicklung mit Zumutungscharakter scheitert allerdings, solange unsere Evaluationssysteme, diese Happy Sheets, fast triviales Lernen erzwingen nach dem Motto: wasch mich, aber mach mich nicht nass.
Persönlichkeit vor Verhaltenstipp
Diese Linie führt zu der für mich wichtigsten Studie im Bereich des Neuroleadership, der Untersuchung von Rüdiger Reinhardt. Sie vergleicht zwei Ansätze. Das verhaltensorientierte SCARF-Modell von David Rock zielt darauf, Führungskräften Verhaltenstipps zu geben. Wie gut Tipps wirken, weiß jeder: Mein Hausarzt zeigte mir vor Jahren eine Ernährungspyramide, der zufolge Sahnetorte fetter macht als Salat. Bei solchen Ratschlägen geht oft eher der Mittelfinger nach oben, und so fiel auch der Beitrag des Verhaltensmodells zu Leistungsfähigkeit und Gesundheit relativ gering aus. Der zweite Ansatz, gespeist aus Klaus Grawes Konsistenztheorie, betrachtet personenbezogene Dimensionen: Bindungsfähigkeit als Resilienzfaktor, das Verhältnis von Annäherungs- und Vermeidungsmotivation, die Fähigkeit, innere Spannung zu regulieren, und vor allem die Fähigkeit, Selbstwert aus sich heraus aufzubauen. Nach Reinhardts Analyse erklären diese Persönlichkeitsdimensionen einen erheblichen Anteil der Varianz in Leistungsfähigkeit und Gesundheit, deutlich mehr als die Verhaltensebene. Wichtig ist die Lesart, die ich in meinem Buch betone: Daraus folgt gerade kein neuer Ratschlag „Stärken Sie Ihre Annäherungsmotivation”, der so naiv wäre wie die Aufforderung, zur Heilung den Neurotizismus-Score zu senken. Es sind Eigenschaften der Persönlichkeit, und bei Verhalten und Skills anzufangen und auf eine Rückwirkung zu hoffen, ergibt nur begrenzt Sinn. Investieren sollten wir daher zuerst in Persönlichkeitsentwicklung, im Coaching, auch in der Konfrontation mit eigenen tiefen Mustern. Persönlichkeitsentwicklung berührt die Substanz der Person, oder sie bleibt unwirksam, pointiert gesagt und nicht zu hundert Prozent wörtlich gemeint.
Eine Elite von acht Milliarden Menschen
Zum Schluss eine Haltungsfrage, die mir in einem Autoren-Kreis besonders passend erscheint. Der Bestsellerautor Yuval Noah Harari hat schon 2016 im „Guardian” von einer „useless class” gesprochen, einer durch KI nutzlos werdenden Schicht von Menschen. Bei aller Wertschätzung für Harari ist das für mich ein Unwort und eine Dystopie. Wenn die Prognose von Goldman Sachs zutrifft, wonach rund dreihundert Millionen Jobs weltweit von der KI betroffen sein werden, dann heißt das eben nicht, dass sie wegfallen, sondern dass die Menschen, die in diesen Tätigkeiten verbleiben, massiv dazulernen müssen. Meine Vision ist, dass wir genau dazu beitragen: jenen Menschen Komplexität zuzutrauen, denen wir sie vielleicht nicht zugetraut hätten. Ich bin in diesem Sinne ein Verfechter der Eliteförderung, einer Elite von acht Milliarden Menschen. Wer schreibt, lehrt oder Lernprozesse begleitet, arbeitet an genau diesem Menschenbild, und es lässt sich mit einer begründeten, nicht rosaroten Zuversicht in die Zukunft tragen. Das ganze Gespräch im Autoren-Frühstück können Sie im Video oben ansehen.