Es lohnt sich, dem eigenen Lieblingsthema mit einer gewissen Respektlosigkeit zu begegnen. Ich sage das als jemand, dessen Marke seit Jahren an den Neurowissenschaften hängt: Die Hirnforschung ist in der Scientific-Trainer-Ausbildung zwar nicht der einzige, aber ein sehr wesentlicher Baustein, neben der Systemtheorie, neben der Psychologie, auf den höheren Stufen transdisziplinär erweitert um die unterschiedlichsten Wissenschaftsgebiete. Und gerade weil sie ein so großer Anknüpfungspunkt ist, gerade weil sie für viele Kolleginnen und Kollegen das größte Transferpotenzial trägt, um Inhalte und Methoden gegenüber Auftraggebern und Teilnehmern transparent zu machen, möchte ich mit dem Loblied auf den „Hirnkram” nicht beginnen. Sondern mit der Frage, ab welchem Punkt das Gute in Blödsinn umschlägt.
Wenn aus Anknüpfung Über-Identifikation wird
Es ist nützlich, bestimmte Dinge wissenschaftlich begründen und transparent erklären zu können. So weit, so gut. Das Thema ist nur, dass alles Gute in Blödsinn umschlägt, sobald wir in die Über-Identifikation gehen. Dann fallen Sätze wie „das schüttet Dopamin aus”, als wäre damit Motivation erklärt. Der Erkenntnisgewinn ist überschaubar, und wir wissen längst, dass das Dopaminsystem nicht der einzige Faktor ist, der Motivation erklären würde. Alter Wein in neuen Schläuchen, schick verpackt. Das ist peinlich, aber für sich genommen noch nicht wahnsinnig schädlich, abgesehen davon, dass es einem biologistisch-mechanistischen Weltbild Vorschub leistet. Das Transferpotenzial sollte schon etwas Größeres sein.
Die zweite, ernstere Nebenwirkung der Über-Identifikation ist, dass Wissenschaft normativ missverstanden wird. Manchmal lässt sich dieses Missverständnis sogar produktiv nutzen. Schon meine Großmutter wusste ohne jede Wissenschaft, dass Menschen kooperativer sind, wenn man freundlich zu ihnen ist. Wenn es nun die Herleitung aus den Spiegelneuronen oder den Oxytocin-Befunden braucht, um diese alte Weisheit zu plausibilisieren, vielleicht weil sie im MBA-Curriculum so nicht vorkommt und erst durch die Autorität des Laborkittels wieder zu Geltung gelangt: gut, dann ist nichts Schlimmes passiert, dann hat die Hirnforschung eine Plausibilität geschaffen, wo vorher Skepsis war.
Das normative Missverständnis: Wissenschaft als Verschreibung
Gefährlich wird es eine Stufe weiter, wenn Wissenschaft so verstanden wird, als gäbe es für komplexe Fragen wie „wie führe ich in dieser Situation richtig” am Ende eine Verschreibung. Dann kommt heraus, es sei immer ratsam, freundlich, unterstützend, inspirierend und begeisternd zu sein. Mich beschäftigt schon die Frage, wie anstrengend es sein muss, die ganze Zeit begeistert herumzulaufen. Diese Strömung ist auch deshalb so erfolgreich, weil sie das ganze Glaubenssystem der humanistischen Psychologie, aus dem die Train-the-Trainer-Welt hergeleitet ist, aufgreift und dann sagt: endlich bestätigt die Gehirnforschung, was wir schon immer wussten. Die Selbstbestätigungsfalle sorgt für Popularität. Sie zementiert aber zugleich festgefügte Systeme, und damit ist sie erst recht problemerzeugend. Denn was wir hier betreiben, ist die Sklerotisierung von Glaubenssystemen und Überzeugungen.
Zum Glück liegt in unserer Renitenz eine gewisse Resilienz: Sobald einer mit erhobenem Zeigefinger Ratschläge erteilt, möglichst die Amygdala nicht zu reizen und stattdessen den Nucleus accumbens zu streicheln, weil das wissenschaftlich wirkt, regt sich Widerstand. Und das aus gutem Grund. Denn es ist nicht immer gut, nett zu sein. Hier wird die Ambivalenz getilgt. Die Paradoxien, die das Leben von Führung erst ausmachen, werden weggebügelt. Viele Funktionen in Unternehmen sind inhärent konfliktär angelegt: Lobe ich den einen, fragt der andere, warum nicht ihn; führe ich leistungsabhängige Boni ein, wächst der interne Wettbewerb, und die für den Teamerfolg nötige Kooperation geht zurück. Wie ich es mache, es wird immer ein Stück weit richtig und ein Stück weit falsch sein. Wer mit der Autorität der Wissenschaft genau die Instrumente der Komplexitätsbewältigung zur Unterkomplexität verkürzt, stellt am Ende eine Verblödung her, statt ihr entgegenzuwirken. Und das Sprachzentrum, so scheint es, kann durchaus überreden.
Warum dann überhaupt so viel Hirnkram?
Ich nutze die Neurowissenschaften als Reflexionsfolie und als Brücke, die den naturwissenschaftlichen Zugang zu psychologischen und geisteswissenschaftlichen Phänomenen erleichtert. Viele Kolleginnen und Kollegen kommen aus den Wirtschaftswissenschaften oder der Psychologie, nicht aus einer naturwissenschaftlich geprägten Denkschule. Die Personalentwicklung ist in den Train-the-Trainer- und Train-the-Coach-Ausbildungen von der humanistischen Psychologie dominiert. Das ist eine gute Sache, aber eben auch eine Monokultur. Und überall, wo Monokulturen entstehen, kommt der Borkenkäfer leicht hinein. Deshalb braucht es ein Gegengewicht naturwissenschaftlichen Denkens.
Nur müssen wir dieses Denken dann auch wirklich vermitteln, statt mit fertigen Resultaten zu hantieren nach dem Schema „die Hirnforschung sagt dies und das”. Wir gehen so weit in die Tiefe, dass die Teilnehmenden fachliche Grundlagen erwerben und das Design von Studien verstehen. Wer das Studiendesign versteht, kann nicht nur die Schätze nutzen, die täglich in Science, Nature und anderen Quellen publiziert werden, sondern macht den eigentlich viel wichtigeren Schritt auf die Meta-Ebene: Er übernimmt das wissenschaftliche Vorgehensmodell selbst und überträgt es auf die eigenen Vorhaben im Learning & Development. Eine Arbeitsgruppe in der Scientific-Trainer-Community hat dazu ein Paper zum Prozessmodell empirischer Forschung fast fertiggestellt: Es geht darum, das Vorgehen von Wissenschaftlern auf Projekte in der Wirtschaft zu übertragen, eine Personalentwicklungs-Maßnahme als Experiment zu konzipieren und mit den Werkzeugen der Forschung zu prüfen, etwa über einen Prä-Post-Vergleich anhand validierter Psychometrie, was sie tatsächlich bewirkt hat. Damit bedienen wir, im Nebeneffekt, eine Erwartung, an der sich der HR-Bereich seit Jahren abarbeitet: endlich einen darstellbaren Mehrwert zu liefern. Dass dieser Nachweis noch immer schwerfällt, ist gut dokumentiert. Im Branchenreport „Measuring the Business Impact of Learning 2024” geben nur 56 Prozent der Organisationen an, die Wirkung ihrer Lernmaßnahmen überhaupt messen zu können (Watershed/eLearning Industry). Genau diese Lücke schließt das wissenschaftliche Vorgehensmodell.
Eine Reaktivierung für die einen, etwas Neues für die anderen
Für Menschen, denen das wissenschaftliche Denken im eigenen Studium begegnet ist und in einem pragmatisch nach Kochrezepten funktionierenden Berufsbiotop wieder abtrainiert wurde, ist das eine Reaktivierung. Für die anderen ist es etwas komplett Neues. Die Neurowissenschaften sind dafür ein besonders glücklicher Türöffner: Theoretisch könnten wir auch mit Mathematik oder Physik arbeiten, doch die werden im Learning & Development nicht so unmittelbar als relevant erkennbar. Wenn ich aber die Hirnforschung als Anknüpfungspunkt nehme, dann bitte ohne mich auf einen festen Katalog von Ergebnissen festzulegen, die mir fertig über den Zaun geworfen werden, sodass ich sie nur noch verwerten muss. Vielmehr nehme ich die Rezeptur des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses und übe sie als Handlungsmöglichkeit ein.
Umgekehrt braucht es genauso die geisteswissenschaftliche, insbesondere die systemtheoretische Perspektive, um die Neurowissenschaften überhaupt einzuordnen, zu rahmen und relevant zu machen. Hinderk M. Emrich hat bereits 2001 in seinem Vortrag „Neurowissenschaften als Herausforderung für die Psychotherapie” bei den 51. Lindauer Psychotherapiewochen (lptw.de) festgehalten, dass nur eine systemtheoretisch informierte, nicht-reduktionistische System-Neurobiologie die nötige Komplexität verarbeiten kann. Diese Einschätzung hat unverändert Gültigkeit. Denn Führung und betriebliches Lernen finden nicht unter kontrollierten Laborbedingungen statt, in denen sich möglichst wenige Variablen isolieren lassen. Sie sind weit komplexer, als es eine experimentelle Umgebung je abbilden kann. Dafür brauche ich die hermeneutische Herangehensweise, das gemeinsame, dialogische Vermitteln von Sinn, und ich brauche die systemtheoretische Perspektive, die in der Lage ist, zwischen den biologischen, den psychischen und den sozialen Systemen hin und her zu springen und zu beobachten, wie diese sich als Umwelten gegenseitig beeinflussen. Das ist das Programm, und das ist der Grund, warum es so viel Hirnkram gibt.
Die eigentliche Frucht: sich in Wochen einarbeiten können
Wer all das noch nicht beherrscht, lernt dabei eine Fähigkeit, die ich für eine der wichtigsten Metakompetenzen halte: sich binnen weniger Monate so weit arbeitsfähig in ein völlig neues Wissensgebiet einzufuchsen, dass man beginnen kann, dort wissenschaftliche Primärliteratur zu rezipieren und zu verarbeiten. Diese Fähigkeit lässt sich an andere weitergeben. Und sie ist Kernkompetenz für jeden, der heute in der Wirtschaft tätig ist und es länger als ein Jahr bleiben will: Im nächsten Jahr muss man sich vielleicht in eine Blockchain-Anwendung einarbeiten, im übernächsten in ein biotechnologisches Thema, nicht so tief, dass man selbst darin forscht, aber tief genug, um den Einkauf zu steuern oder mit Lieferanten auf Augenhöhe zu sprechen. Schnell und in die Tiefe lernen, und dabei selbstverständlich die Künstliche Intelligenz, andere Lerntechnologien und das ganze Repertoire des Wissensmanagements nutzen: das ist ein großer Bestandteil der Scientific-Trainer-Ausbildung und ihr eigentlicher Zweck.
Insofern habe ich hier ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert, über die hidden agenda hinter dem ganzen Hirnkram. Ich freue mich jedes Mal, wenn der Hirnkram positiv ankommt, weil ich dann weiß, dass der Zweck erfüllt ist: Er ist attraktiv genug, um das eigentliche Lernziel wahrscheinlicher zu machen. Wer nach so vielen Silben pro Zeiteinheit noch interessiert ist, der ist vermutlich neugierig genug auf das Springen im transdisziplinären Raum, um daran Freude zu finden, völlig neue Dinge im Learning & Development zu entwickeln und die normative Kraft des Faktischen aufzusprengen. Das ganze Video dazu finden Sie oben.