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Lust auf Leben und Lernen

15. Juni 2026 durch
Lust auf Leben und Lernen

Mein Statement zum Münchner Manifest, einem von Bildungspraktikern, Wissenschaftlerinnen und Verbänden getragenen Aufruf für ein zeitgemäßes Lernen im 21. Jahrhundert, beginnt mit einer kleinen Umstellung. Im Manifest geht es um „Lust auf Leben und Lernen”. Ich lasse das Lernen zunächst weg und betrachte nur die Lust auf Leben. Denn wenn man das Gehirn fragt, woher dieses Gefühl der Grundlebendigkeit eigentlich kommt, landet man nicht in den Arealen für Rechnen oder höhere kognitive Leistung, sondern in den körperrepräsentierenden Regionen, vor allem in der Inselrinde und in den Arealen, die Bewegung steuern. Was hier wirkt, ist Dopamin: ein Botenstoff, der zuerst für Bewegung zuständig ist und der Motivation und kognitive Leistung aufs Engste miteinander verkoppelt. Dopamin ist dabei kein Glückshormon, wie die populärwissenschaftliche Literatur gern behauptet. Es macht uns nicht glücklich, es bringt uns in Bewegung Richtung Ziel.

Daraus folgt eine unbequeme Frage. Ist stundenlanges Sitzen auf dem Hosenboden eine artgerechte Haltung für ein Gehirn, das Lernen und Bewegung physiologisch zusammendenkt? Aus neurobiologischer Sicht eher nicht. Bewegung regt nicht nur die Verknüpfung vorhandener Nervenzellen an, sondern auch die Entstehung neuer Nervenzellen aus Stammzellen, und gerade Letztere spielt für die Gedächtnisbildung über den Hippocampus eine erhebliche Rolle (Deng et al. 2010). Der Weg zu mehr Bewegung führt freilich nicht zwingend über den Sport. Ein großer Verfechter des Sports bin ich selbst nicht. Schon der Schritt vom parzellierten Stundenplan, in dem Mathe nichts mit Deutsch und Deutsch nichts mit Geschichte zu tun hat, hin zur projekthaften Arbeit bringt von allein mehr Bewegung ins Lernen. Wer mit einer Klasse ein Demokratieprojekt verfolgt, braucht Mathematik, um eine gefälschte Statistik zu entlarven, Englisch und Medienkompetenz, um an die Quellen zu kommen, und ein Format, um das Ergebnis auszudrücken. Geht das Lernen gar hinaus, in Unternehmen oder in Sozialprojekte, ist die Bewegung ohnehin da. Und es kommt etwas hinzu, das schwerer wiegt als die reine Aktivierung.

Wo Sinn entsteht

Das im Annäherungsverhalten ausgeschüttete Dopamin bleibt nämlich nicht in den tiefen limbischen Kernen stecken, die wir als Belohnungssystem kennen, mit ihrem alten Spiel aus Belohnung und Bestrafung, in der Unternehmenswelt aus Incentive und Sanktion. Es zieht weiter nach vorn, in den präfrontalen Cortex hinter der Stirn. Das ist die Struktur, mit der wir Menschen über das bloße Reagieren auf das Vorhandene hinausgehen und unsere Zukunft entwerfen können: Was kann ich, was will ich, wo liegen meine Potenziale, und wo könnte das, was ich kann, anschlussfähig sein an das, was die Welt braucht? Komme ich beim Lernen mit der Realität in Kontakt und kann daraus eigene Perspektiven gewinnen, dann spreche ich ein Motivationssystem an, das für uns als Spezies sehr viel wichtiger ist als die klassische Karotte, die von vorn lockt, und die Peitsche, die von hinten treibt. Sinn ist kein pädagogisches Beiwerk, sondern die Hauptkost dieses Systems.

Warum zerstückeltes Wissen wieder zerfällt

Damit ist die Brücke zur Lust auf Lernen geschlagen. Lernen ist im Kern das, was unser Gehirn zu unserem Überleben beiträgt: es befüllt fortwährend eine Art inneres Navi, um Risiken zu vermeiden und Erstrebenswertes zu erreichen. Das geschieht über Neuroplastizität, und das heißt buchstäblich, dass Nervenzellen sich physisch miteinander verschalten, indem Proteinbrücken gebaut werden. Jeder Hobbygärtner weiß, dass solches Wachstum Zeit braucht und dass man auf einem Quadratmeter nicht zugleich Rüben, Kartoffeln und Tulpen ziehen kann. Denn am Anfang eines Lernprozesses sind die jungen Synapsen hochgradig interferenzanfällig: Sie konkurrieren um Wachstumsfaktoren wie Sprösslinge um den Dünger im neuronalen Blumentopf (van Ooyen 2005). Zerlege ich den Unterricht in lauter beziehungslose Fächer, so verschärfe ich diese ruinöse synaptische Konkurrenz und befördere damit die Löschung gerade erst erworbenen Wissens. Binde ich dasselbe Wissen dagegen in ein großes, sinnstiftendes Projekt ein, dann ziehen die neuronalen Systeme an einem Strang, und es entsteht ein Zusammenhang, der trägt.

Das Tor zum Bewusstsein

Bleibt der alte Spruch, wir lernten nicht für die Schule, sondern für das Leben. Neurobiologisch ist er präziser, als er klingt. Das Gehirn unterhält Filtersysteme, die das Unwichtige ausblenden. Der Thalamus ist so ein Türsteher zum Bewusstsein, der das meiste gar nicht erst durchlässt. Man kann ihn im Seminar erlebbar machen, indem man die Teilnehmenden eine Minute schweigen und auf alle Geräusche im Raum hören lässt: das Surren der Lüftung, das man eben noch zuverlässig ausgeblendet hatte. Eine zweite Struktur, der Hippocampus, entscheidet darüber, was aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen wird, und er tut das nur, wenn der Inhalt als relevant markiert ist. Diese Relevanzmarkierung leisten die Emotionen. Die Evolution hat sie nicht hergestellt, damit wir uns gut oder schlecht fühlen, sondern als Marker für Lebensbedeutsamkeit: Sie schütten Dopamin und Noradrenalin aus, also genau jene Botenstoffe, die nötig sind, damit oben im Cortex überhaupt Struktur gebildet werden kann.

Die Frage, wie man zu diesen Emotionen kommt, beantwortet die Branche oft falsch. Ein Lehrer hat mir einmal gesagt, er müsse stets eine Show abziehen, damit alle dabei sind. Diese von außen induzierte Erregung, das „Tschaka, du schaffst es” der Motivationstrainer der neunziger Jahre, ist hirnphysiologisch wirkungslos, weil ich an vorhandene Bedürfnislagen anknüpfen muss, statt sie zu überspielen. Damit rückt die Lehrkraft in die Nähe einer Coach-Rolle: Wo liegen die Motivationen meiner Schülerinnen und Schüler, und wo komme ich selbst wieder mit meinem eigenen Feuer in Kontakt? Wer als Lehrer in ein Unternehmen geht und sieht, wo sein Fach im Ernstfall gebraucht wird, kann den Funken der Begeisterung überspringen lassen. Deshalb brauchen wir mehr Supervision, Intervision und Coaching im Bildungswesen. Übrigens trägt der Kontext selbst eine Botschaft: Wer ein Seminar zur Mitarbeiterentwicklung in den schlecht beleuchteten Kellerraum verlegt, spart vielleicht ein paar Tausend Euro und kommuniziert zugleich ein Wertschätzungsdefizit, das über Loyalitäts- und Identifikationsverluste ein Vielfaches kosten kann.

Weg von den Schuldzuweisungen

Nichts davon ist Raketenwissenschaft. Vieles hätte, wie ich gern sage, schon die Großmutter gewusst, auch wenn sie womöglich in den Strukturen eines anderen Bildungssystems gefangen war. Die schwierigere Aufgabe liegt woanders, und sie betrifft uns alle, die an Bildung beteiligt sind: Wir sollten weg von den Schuldzuweisungen und weg von den Gräben. Auf der einen Seite das Klischee derer, die angeblich nur möchten, dass die Kinder ihren Namen tanzen, auf der anderen das Klischee der herzlosen Utilitaristen, denen es allein um Verwertbarkeit geht. Ich reite hier bewusst auf überzeichneten Bildern herum, denn beides trifft die Wirklichkeit nicht. Wenn wir von demokratischen Unternehmen sprechen, müssen wir früh anfangen, Menschen in demokratische Prozesse hineinzuführen, was zugleich der Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft zugutekommt.

Was für die Schule gilt, gilt für die betriebliche Bildung kaum anders. Auch in Unternehmen entscheidet die Frage, wie weitreichend und nachhaltig eine Maßnahme die Verschaltungen in den Köpfen verändert, darüber, ob Personalentwicklung einen Beitrag zum wichtigsten Kapital unserer Zeit leistet: zur Entwicklung von Menschen, die die Konkurrenz durch die künstliche Intelligenz nicht zu fürchten brauchen. Bewegung, Sinn und Relevanz sind dafür keine pädagogische Kür, sondern die physiologischen Grundbedingungen, unter denen Gelerntes überhaupt Bestand hat. Das vollständige Statement im Rahmen des Münchner Manifests können Sie im Video oben ansehen.

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